Engelstadt historisch
Engelstadt: wer solch einen schönen Ortsnamen hat, dem bleiben die Neider nicht fern. Doch wie kam es zu dieser Bezeichnung? Dazu gibt es die in unserem Ort überlieferte schöne Legende:
Kaiser Karl der Große sei einst, als er in seiner Pfalz zu Ingelheim weilte, allein hinausgezogen um zu jagen. Er verirrte sich. Doch da erschien ihm ein Engel und zeigte ihm den Weg zurück zur Pfalz. Der Kaiser aber befahl, am Ort der Erscheinung ein Dorf zu gründen und es Engelstadt zu nennen.
Von der Sage zur Chronik:
"Die Geschichte Engelstadts ist sehr viel älter als die deutsche Geschichte. Die römischen Villen in seiner Gemarkung gehören nur bedingt dazu, weil es das Dorf Engelstadt in der römischen Kaiserzeit noch nicht gab, so wie die Germanen dieser Epoche noch keine Deutschen sein konnten." So der Historiker Prof. Dr. Franz Staab in seiner Festansprache zur 1050. Jahrfeier der Erstnennung unseres Ortes am 30. November 1991.
In der Urkunde im Historischen Archiv des Stadtarchivs Köln, die unseren Ort zum ersten Mal nennt, heißt es:
"Am 23. November 941, zur Regierungszeit Kaiser Ottos des Großen, schenkte der Kölner Erzbischof Wichfried mit Zustimmung seiner getreuen Kleriker und Laien der Kirche der hll. Jungfrauen zu Köln aus dem Bistumsgut einen Hof in Engilestat mit dem Haus und anderen Gebäuden, mit dem Saatland, mit 33 Hufen, den zugehörigen Hörigen, mit 20 Arpent Weinland und allem Zubehör."

Selbst zu dieser Zeit war Engelstadt noch kein deutsches, sondern ein fränkisches Dorf. Es war immer noch so, wie zur Zeit der Siedler, die sich im 6. und 7. Jahrhundert nach Christus hier, in der ehemals römischen Provinz Germania secunda, niederließen. Sie, die "damit gewissermaßen in ein verlassenes, aber doch nur teilweise verlassenes römisches Haus einzogen, fühlten sich nicht als Deutsche, sondern als Franken. Sie gründeten das Dorf, ohne von Rheinhessen oder Deutschland zu wissen, und nannten es nach einem Engil, der sein Gründer oder Besitzer war". (Staab).
"Sogar noch jener Otto der Große, unter dem Engelstadt im Jahre 941 erstmals erwähnt wird, sah sich selbst nicht als König der Deutschen an. Bei der Krönung in Aachen 936 hatte er, der Sachse, die Zugehörigkeit zu seinem Geburtsstamm abgelegt, war Franke geworden, um als ostfränkischer König über Franken, Bayern und Sachsen herrschen zu können. Mit dem Erwerb der Kaiserkrone Karls des Großen 962 in Rom stützte er zudem seine Herrschaft in Lothringen und Italien ab. Von 966 bis zu seinem Tod 973 verbrachte er die meiste Zeit im mediterranen Süden." (Staab in seinem Festvortrag).
In vor- und frühgeschichtlicher Zeit wurden Begräbnisplätze außerhalb der Siedlungen angelegt. In der Gewann "Schäfergarten" ist ein Reihengräberfriedhof aus der Merowingerzeit nachgewiesen. Später, zur Karolingerzeit schon, entstanden Friedhöfe im Umkreis der Kirche. So auch in Engelstadt. Und hier liegt der Friedhof auch heute noch im Bannkreis der Kirche. Deren Bauzeit ist nirgendwo urkundlich belegt. Ihr ältester Teil, der Turm, ist zweifelsfrei romanisch und hat auf der Südseite ein Portal mit bemerkenswertem Reliefsturz. Entgegen der Auffassung älterer Forscher, dieser Sturz und andere Türstürze seiner Art, am Mittel- und Oberrhein und in Franken nicht gerade selten, seien merowingischen oder karolingischen Ursprungs, kommt der Mainzer Kunsthistoriker Fritz Arnes zu dem Ergebnis: "Allein von der Sturzform mit dem ausgearbeiteten Gesims her besteht kein Zweifel, dass er aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammt. Da aber der Bogenfries des Turmes aus Steinplatten besteht, kommt eher die Zeit vom Ende des 11. Jahrhunderts an in Frage."
Den ikonographischen Inhalt des inzwischen leider sehr stark verwitterten Sturzreliefs beschreibt Romuald Bauerreiss OSB so:
Er "gibt in fünf quadratischen Feldern das Paradies wieder. In der Mitte ist ein ‘griechisches Kreuz‘ [...] mit eingerollten Enden ähnlich dem Lebensbaum von Grebehna (Bezirk Leipzig. Typanon gegen 1180), rechts der mit einem sechsteiligen Blütenstern wiedergegebene Mond. Links steht die Sonne mit acht sich kreuzenden Linien, links der Sonne wiederum ein Baum mit eingerollten Zweigen, rechts des Mondes ein springendes Tier (Löwe?)."
Kirchenportale sind im Früh- und Hochmittelalter bevorzugte Orte für Rechtshandlungen gewesen. Der Löwe war ein Rechtssymbol. Also geschah auch dies am 25. Februar 1925 hier:
"Vor dem Notar des geistlichen Gerichts Cunrad von Nerstein [Nierstein] verkauften Jacob v. Engilstat und seine Frau Sophia einen Hof gegenüber der Kirche in Engilstat samt Äckern, Weingärten, Wiesen an Magister Daniel, den Kantor von St. Stephan zu Mainz. Sie verzichteten vor dem Friedhof neben dem Hof des Ritters Isenbard in die Hände von Daniels Prokurator auf alle Rechte, worauf der Prokurator den Hof mit Zubehör dem Johann v. Bergen und seiner Frau Elizabeth zu Erbrecht überließ, die hierfür jährlich 44 Malter trockenen, durch zwei Leute geprüften Korns zu liefern haben. Misswachs, Hagel, Krieg entbinden davon nicht. Als Sicherheit fügt Johann aus eigenem Besitz 9 Juchert Ackerland hinzu. Bei Misswirtschaft muss er den Hof verlassen."
Zu den Zeugen der Übergabe gehörte auch der oben schon genannte Ritter Isenbard, hier mit vollem Namen und seiner Funktion: Ritter Isenbard v. Engilstat, Schultheiß. Er gehörte zu dem hier sesshaften Niederadelsgeschlecht, das sich nach Engelstadt nannte. Genannt wird als Zeuge auch "Johannes, Vikar der Kirche in Engilstat."
Engelstadt gehörte damals noch zum Fernbesitz der Kölner Kirche, aus fränkischem Fiskalgut hervorgegangen. An diesem Besitz war auch das Kölner Stift St. Andreas beteiligt. 1454 gelangte das Dorf dann an die Kurpfalz; die Pfalzgrafen waren zuvor schon Vögte der Kölner Kirche gewesen. Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz, der Siegrieche, erwarb unser Dorf am 21. Juli 1454 von der Äbtissin des Kölner Stiftes der hll. Jungfrauen (das später dann St. Ursula hieß):
"Engelstat uff dem Gauwe by Ingelheim gelegen mit allem Begriff und Zugehörungen, hohen und niederen Gerichten, Zwingen und Bännen, Leuten, Gütern, Boeden, Steuern...ferner ihre Lehensmannen Karl und Henne von Ingelstadt, die mit Gütern zu Langenlonsheim und Engelstadt belehnt sind, Gülten zu Langenlonsheim, Winternheim, Essenheim, Wörrstadt, allen für 1200 Gulden, die bis auf Einlösung als jährliche Gülte von 60 Gulden auf die Stadt Bacharach und die Täler des Amtes gelegt sind....
Engelstadt kam zum kurpfälzischen Oberamt Stromberg, zu dem rechts der Nahe, im heutigen Rheinhessen, noch etliche andere Dörfer gehörten; zeitweise gehörte dieses Oberamt auch zum Herzogtum Pfalz-Simmern.
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, im Herbst 1620, besetzte der spanische General Spinola die Kurpfalz. Auch Engelstadt wurde ein Opfer der Flammen. Im Januar 1627 entsandte das Bistum Mainz den Katholischen Pfarrer von Kreuznach, Martin Rickius, zusammen mit den beiden Kreuznacher Franziskanern Johannes Marci und Adam Burvenich in die kurpfälzischen Oberämter Kreuznach und Stromberg zu einer Visitation.
Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs der Bischof von Mainz, Dr. Albert Stohr, von der Gestapo verhaftet werden sollte, warnte ihn ein kirchentreuer Kriminalbeamter, so dass er bei der katholischen Familie Schilling im protestantischen Engelstadt, wo ihn sonst kaum einer kannte, Zuflucht fand. Bei Schillings lebte Bischof Stohr im Verborgenen als "Onkel Albert", bis die Amerikaner kamen.
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